Lebensabend

Wie wird es sein, wenn ich meinen Lebensabend erreicht habe? Bin ich dann gelassener? Kann ich mein Leben zurückblickend entspannt betrachten und sagen: „Ja, ich würde alles wieder so machen.“?


Was wäre geschehen, wenn ich da und dort an Kreuzungswegen eine andere Richtung eingeschlagen hätte?

 

In jungen Jahren wollte ich mit einer Freundin für ein halbes Jahr nach Australien gehen. Leider scheiterte unser Plan ganz kurz vor der Umsetzung.

Was, wenn  es geklappt hätte? Menschen, Lebensumstände und Eindrücke, die ich nie kennengelernt habe. Habe ich was verpasst?

 

Was wäre geschehen, wenn das Leben die Weichen anders gestellt hätte? Wäre es möglich gewesen, auch dort in der Fremde der Liebe zu begegnen, wo ich doch hier vor fast dreißig Jahren meinem Lebensmenschen begegnet bin? Oder hätte dieses halbe Jahr lediglich einen Umweg zu meinem heutigen Glück dargestellt? Gibt es womöglich einen Lebensplan, in dem mein Leben schon eingezeichnet ist, wie eine Reiseroute auf der Landkarte?

 

Ja, ich bin eine kleine Philosophin und ja, es macht mir Spaß, immer wieder mal: „Was, wenn …“, zu denken. Was nichts daran ändert, mich JETZT rundum wohl und glücklich zu fühlen. Gedankenspielereien gehören einfach dazu, wenn man schreibt.

 

 

Fortschritt

 

Um zum ursprünglichen Thema zurückzukehren: ich denke, keine künftige Lebensabendgeneration wird jemals wieder so viele, prägende Entwicklungsschritte erleben, wie die Jetzige erlebt hat. Klar werden sich technisch gesehen in Zukunft Fortschritte zeigen, die sich derzeit noch unserem Vorstellungsvermögen entziehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es meine Lebensqualität steigert, wenn ich meinen nächsten Urlaub auf dem Mond verbringe J

 

Wobei ich „Fort-Schritt“ für mich eher so interpretiere, dass sich der Mensch durch die unglaubliche Schnelllebigkeit unserer Welt immer mehr von sich selbst entfernt, „Fort-bewegt“. Allein, wenn ich daran zurückdenke, wie entspannt und unkompliziert meine Kindheit und Jugendzeit verlief. Handy- und Computerfreie Zone. Damals hatten wir ja keine Ahnung!

 

Da gab es keine unverhofften Kontrollanrufe seitens einer überbesorgten Mutter, wenn ich mit Freunden durch den Wald streunte. Es dauerte keine Stunden, um mich mit tausenden SMS mit jemandem zu verabreden. Und ich konnte mich mit einem Buch unter einem Baum verkrümeln, ohne darauf achten zu müssen, ob der Akku auch noch genug Leistung hat. Damals war unser Vertrauen in die Welt einfach noch größer und wir hatten nicht vor allem und jedem Angst.

 

 

 

Abendrot

 

 

Bei diesen Erinnerungen spreche ich von mir, die ich in diesem Jahr Fünfzig wurde, in meinem Leben steht die Sonne gerade mal nicht mehr am höchsten Punkt. Doch was könnten uns jene erzählen, wo sich das leuchtende Abendrot schon über den Horizont legt? Jene, die Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau erlebt haben. Jene, die Rock´n Roll getanzt und Elvis verehrt haben. All jene, die die ganze Buntheit der Welt in der Hippie-Zeit erlebten. Und jene, die von der Technik überrollt wurden und sie heute auch nützen oder gar nichts damit anfangen können.

 

Es ist kaum in Worte zu fassen, wie rasant sich unsere Welt in den letzten siebzig, achtzig oder neunzig Jahren entwickelt hat. Kaum kam man mit einer Neuerung zurecht, stand man schon wieder vor einer neuen Herausforderung. Wer weiß, was in den nächsten dreißig, vierzig Jahren auf uns zukommt.

 

Ich möchte es auch gar nicht wissen. Ein gutes Leben hängt nicht so sehr vom Außen ab, wie uns die Wirtschaft gerne weis machen will.

 

Wenn sich in meinem Leben die Sonne über dem Horizont neigt, möchte ich sagen können: „Ich habe geliebt, gelebt, gelacht, gesungen und getanzt … ich bereue nichts, ich vermisse nichts und ich habe keine Angst vor dem, was kommt.“

 

Was möchtest du an deinem Lebensabend rückblickend sagen können?

 

Ich freue mich, wenn du mir das in einem Kommentar erzählst.

 

 

♥lichst, Carmen

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Andrea Giesler (Montag, 13 Oktober 2014 20:11)

    Ich spiele auch immer wieder Gedankenspiele. Auf meinen Lebensabend bezogen halte ich mir dann dieses Zitat vor Augen:

    In 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus aus dem sicheren Hafen. Erfasse die Passatwinde mit deinen Segeln. Erforsche. Träume. - Mark Twain

  • #2

    Carmen (Dienstag, 14 Oktober 2014 09:19)

    Ein wunderschönes Zitat, das sich lohnt, in die Tat umzusetzen und uns ermutigt, unsere Komfortzone zu verlassen.
    Vielen Dank, Andrea, dass du es mit uns teilst :-)

    Liebe Grüße
    Carmen

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